AUS DEM LEBEN EINES FREIBERUFLERS
Drei Tage im Leben der Berliner Grafikerin Tamara Krantz – TAG 1…


06.30 Uhr, der „intelligente“ Wecker meines Handys weckt mich in lauterwerdenden Tönen die das Wachwerden nicht einfacher machen. Ich drücke auf die Snooze Taste um die nächsten drei Minuten den Mails, Social Media Kanälen und über Nacht eingetrudelten Nachrichten zu widmen. Wenn sich eines mit meiner Freiberuflichkeit geändert hat, dann die Tatsache, dass es keine festen Arbeitszeiten mehr gibt. Meine Berufung ist ein rund um die Uhr Job.

Das Dinge wie „Berufung“ und „berufliche Freiheit“ durchaus regelmäßige und gleichhohe Gehaltszahlungen wettmachen, ist jedoch nicht jedem begreiflich zu machen.

ACH, SIE SIND FREIBERUFLER? DAS BEDEUTET ARBEITSLOS, RICHTIG?

Ein paar Minuten später sitze ich geduscht, gefrühstückt und mit einer Kanne Tee vor dem PC und checke, was dringend beantwortet werden muss. Da springt mir die E-Mail eines potenziellen Vermieters ins Auge, der auf meine Selbstauskunft geantwortet hat. „Also Sie sind Freiberufler ja? Das heißt wohl arbeitslos?“ Ich schicke ein „Arm aber glücklich“ zurück und Hake die Wohnung ab. Eh hässlich.

Zurück zum Business. EinKunde hat über Nacht über die Kommentarfunktion unsererPlattform Feedback eingereicht. Schön, denke ich. Und lese dann in fünf verschiedenen Kommentarender gleichen Person:

>> Schön!
>> Gefällt mir sehr gut!
>> Richtig gut!
>> Sieht schön aus!
>> Ist mir zu wuchtig!!!

Entweder ist mein Kunde schizophren, oder ich schwer von Begriff. Ohne jede weitere Erläuterung finde ich so oder so nicht die Stelle auf dem achtseitigen Flyer die „zu wuchtig“ sein soll. Ich schicke eine höfliche Nachfrage hinterher und verschiebe die Weiterarbeit. Vielleicht werde ich ja doch noch arbeitslos.

GUT VORBEREITET IST HALB GEWONNEN

Eine Empfehlung meines ehemaligen Arbeitgebers macht es möglich: Ein großer Kunde hat digital an meine Tür geklopft und mich zu einer Art Vorstellungsgespräch in wenigen Tagen eingeladen. Es geht um einen großen Auftrag der meine Miete für einige Wochen tragen könnte -und um viel Prestige. Für sich selbst arbeiten ist immer anders als für „die Firma“ oder „den Chef.“ Jeder Auftrag ist ein pures es sich selbst beweisen und demnach immer wichtig, immer aufregend, immer dringend und immer sehr ernst zu nehmen.

Ich klicke mich durch die Website des Kunden und die Websiten der Konkurrenz. Ich drucke Startseiten aus, male bunte Bemerkungen drum herum, streiche durch, ziehe Linien, schneide aus, schreibe daneben, falte, klebe.

Ich weiß, dass der potenzielle Auftraggeber erfahrenere Grafiker als mich zur Auswahl hat, also muss ich mit tatkräftigem Handwerk punkten und zeigen, was ich trotzdemkann. Gut vorbereitet ist halb gewonnen –der Rest wird improvisiert.

BACKEN FÜR DEN SOCIAL MEDIA ERFOLG

Der Feierabend rückt näher und ich wechsle noch einmal das Aufgabenfeld. Die seit zwei Tagen frisch online gegangene Facebookseite meines Blogs & Business wurde nach nettem Bitten und anschließend bösartigen Drohungen von Freunden und Familien artig gelikt. Nun fühle ich mich in der Schuld und beschließe, für die freundliche Gemeinde Kekse zu backen die wie mein Logo aussehen: Pinke Füchse.

Und ich kann es nicht leugnen: Grafikdesigner sind einfach leidenschaftliche Bastler. Bis der perfekte Pinkton erreicht wird, mische ich mit Rote Beete, Himbeersirup und anderem Tamtam einen bildschön aussehenden aber ungenießbaren Zuckerguss. Ist mir egal! Was muss, das muss. Ich bin Grafikerin und keine Bäckerin, und bei meiner Corporate Identity verstehe ich keinen Spaß und erst recht keine Kompromisse.

NIE WIEDER FEIERABEND

Die Social Media Kanäle sind gefüllt, Mails beantwortet, Mails geschrieben, Kekse gebacken.Die Uhr sagt Feierabend, für mich bricht nun nur eine andere Art der Arbeit an. Gemeinsam mit meinem Freund und dem Laptop sitze ich beiSerien im Fernsehen auf dem Sofa und schmökere nach Trends, Designs, Produktideen, Blogbeiträgen, Kontakten, Ideen, Informationen.

Es fühlt sich nicht nach Arbeit an, aber auch nicht nach Feierabend. So richtig frei habe ich in diesem Leben nicht mehr. Das ist traurig, aber auch schön –wenn der Berufdasist, was man ohnehin machen will.

Und wie geht es weiter? Das erfährst du in Kürze…


Tamara KrantzTamara Krantz (23) alias Frau Fuchsia arbeitet seit September 2014 als freiberufliche Grafikerin und entdeckt seit dem die Welt jeden Tag neu. Als Wahlberlinern die irgendwas-mit-Medien-tut und bunte Haare hat, sowie einem vegetarischen Lebenstil verfolgt erfüllt sie nicht nur das Klischee, sondern lebt es auch. Auf ihrem Blog „Der Pinke Fuchs“ berichtet Sie aus dem Leben eines Freiberuflers, über aktuelle Kunst und Trends sowie über technische Tricks und Kniffe. Ach ja, und für Grafiksachen engagieren kann man sie auch! Und zwar hier: www.fraufuchsia.de