AUS DEM LEBEN EINES FREIBERUFLERS
Drei Tage im Leben der Berliner Grafikerin Tamara Krantz – TAG 3…


 TAG 3

06.30 Uhr. Ich habe ein Déjà-vumit meinem „intelligenten“Weckerund beginne den Arbeitstag mit dem beantworten von E-Mailsund Social Media Nachrichten. Rund zwei Stunden später stehe ich mit einem USB-Stick in der Hand in dem kleinen Copyshop meines Vertrauensum Postkarten ausdrucken zu lassen, die ich in Kürze in meinem Onlineshop vertreibenwill. Neben all den Auftragsarbeiten muss ein bisschen Selbstverwirklichung auch noch sein.

Weil der Weg es zulässt, stoppe ich auf dem Rückweg noch an einer Galerie um mich weiterzubilden und Content für den Blog zu sammeln. Alles was ich tue und lasse wird dieser Tagein meinem Gehirn gleich zu „Content“weiterverarbeitet,aber durch Blogposts, Social Media Einträge und Instagramfotos haltbar gemacht. In zehn Jahre werde ich wohl mal zurückblicken und das als „die gute alte Zeit“empfinden.

SCHWEIßPERLEN UND WUNSCHTOD

Am Nachmittagkämpfe ich mich mit dem Auto durch den Berliner Stadtverkehr Richtung Flughafen, um wie verabredet einen potenziellen Kunden zu treffen. Die Bahnen fahren heute ohnehin nicht, mein Navi voraussagt allerdings schon bei Fahrtbeginn eine eineinhalbstündige Verspätung dank Stau. Mir bricht dezent der Schweiß aus.

Von unterwegs aus versuche ich den Kunden zu erreichen um mein Zuspätkommen anzukündigen –ohne Erfolg. Die Whats App Nachricht bleibt unbeantwortet, die SMS geht nicht durch und der Anruf bricht ab bevor ich etwas sagen kann. Auch die E-Mailfindet keine Beachtung. Am liebsten würde ich jetzt umkehren, nach Hause fahren und die nächsten drei Tage das Bett nicht mehr verlassen.Was der arme Mann denken wird, wenn all die Nachrichten doch mal durchs Netz gekrochen sind und auf ihn einprasseln will ich jetzt gar nicht so genau wissen.

Als ich am Flughafen ankomme beträgt meineVerspätung nur nochunglaubliche fünfzehn Minuten, gepriesen sei das frühe Losfahren! Doch nun stehe ich vor einem neuen, fast noch größerenProblem: Mein Handy funktioniert immer noch nicht und wir wollten uns für einen Treffpunkt vor Ort zusammentelefonieren. Ohne Treffpunkteinen Unbekannten auf einem Flughafen zu finden ist, seien wir ehrlich, so gut wie unmöglich.

TIEF DURCHATMEN

Ich bin ganz kurz, ganz ganz kurz davor meinen Kunden mit einer fadenscheinigen Begründung ausrufen zu lassen und fummle in meinemGehirn bereits eine charmant klingende Ansage zusammen, als ich ein Münztelefon entdecke. Ich brauche zwar zehn Minuten um hinter die Bedingung zu steigen, erreiche ihn dann aber doch und renne die 7 .km zu unserem Treffpunkt kaum gestresst durch überfüllte Terminalsmit schreienden Kindern.

Bei meiner Ankunft atme ich nochmal tief durch und versuche mich zu sammeln. Zumindest aufgeregt bin ich nun nicht, sondern einfach nur erschöpft. Ich lege ein paar vorbereitete Zettel
aus und rede los. Viel zu viel, denke ich kurz und die Resonanz meines Kunden kommt nur zögerlich. Wenn er mich hasst, könnte ich das nach diesem Auftritt verstehen.

Doch es kommt ganz anders. Am Ende heißt es, dass sei viel mehr „als man erwartet habe“und man wäre „mehr als nur positivüberrascht.“Das, was eigentlich nur als kurzes kennenlernen gedacht war, wird jetzt zursicherenAuftragserteilung. Ich bin erleichtert und glücklich und klopfe mir mental auf die Schulter. Es bleibt eben dabei: Das hier ist der coolste Job der Weltmit dem coolsten Chef der Welt.

UND IN DER ECHTEN WELT?

…ist das selbstständig sein natürlich gar nicht immer so lustig, zynisch oder spannend und diese Artikelreihe natürlich eine Überspitzung dessen, was mein Alltag derzeit so in Wahrheit ist. Es gibt Tage, die verbringeich träge nur vor dem PC, es gibt Tage, die widme ich der Bürokratie und der Steuer und Tage, an denen ich gar nichtsschaffe. Nicht immer gibt es auch für jedes Kundengespräch ein Happy End und nicht immer liebe ich dieFreiberuflichkeit.

Meistens, ist es aber doch alles genau so.


Tamara KrantzTamara Krantz (23) alias Frau Fuchsia arbeitet seit September 2014 als freiberufliche Grafikerin und entdeckt seit dem die Welt jeden Tag neu. Als Wahlberlinern die irgendwas-mit-Medien-tut und bunte Haare hat, sowie einem vegetarischen Lebenstil verfolgt erfüllt sie nicht nur das Klischee, sondern lebt es auch. Auf ihrem Blog „Der Pinke Fuchs“ berichtet Sie aus dem Leben eines Freiberuflers, über aktuelle Kunst und Trends sowie über technische Tricks und Kniffe. Ach ja, und für Grafiksachen engagieren kann man sie auch! Und zwar hier: www.fraufuchsia.de