AUS DEM LEBEN EINES FREIBERUFLERS
Drei Tage im Leben der Berliner Grafikerin Tamara Krantz – TAG 2…


 TAG 2

09:00 Uhr. Gemeinsam mit anderen jungen Gründerinnen sitze ich in einem Cafe und netzwerke bei einem veganen Kakao und einem fairtrade Croissant, während wir in Vintagemöbeln vom Sperrmüll sitzen. Das ist, wofür ich Berlin liebe.

Aus dem gemeinsamen Frühstück gehe ich mit gemischten Gefühlen. Es ist immer schön ab und zu daran erinnert zu werden, das man mit dem Gründen nicht alleine ist. Doch heute gehe ich aus diesem Frühstück als Einzelkämpferin nach Hause und habe das Gefühl, das mein Business und meine Geschichte doch ganz anders ist als das der Tagesmutter-Gründerinnen und Yogastudio-Entrepreneurs wie sie sich in der Hauptstadt zuhauf tummeln. Es ist nicht immer ganz leicht zu wissen, was man tun soll, wenn es einem plötzlich keiner mehr sagt. An den Umstand nun ganz und gar für mich und mein Geschäft alleinverantwortlich zu sein, muss ich mich einfach noch gewöhnen.

IST MIR NOCH ZU HELFEN?

Eine schier vor Tränen triefende E-Mail erwartet mich im heimischen Posteingang. Eine neue Kundin schickt den Fehlerbericht Ihrer Druckerei, nachdem Sie eine selbstgestaltete Postkarte eingesandt hat. Es liest sich wie ein Krimi: Was auch immer man an Druckdaten falsch machen kann, meine Kundin hat es gemacht.

Nach einem langen Monolog über die eigene Unfähigkeit und das Unverständnis über die Materie fragt sie: „Ist mir noch zu helfen?“

Ja, denke ich. Aber nur, wenn wir noch mal ganz von vorne anfangen. –Und rufe sie an.

WIE GUT, DASS SIE NICHTS VON IHREM JOB VERSTEHEN

Meine Kundin ist einige Stunden später glücklich, die Daten durch die Prüfung und die Postkarten im Druck. Zeit, sich um andere Aufträge zu kümmern. Auf der Suche nach der richtigen Druckerei für ein eigenes Projekt telefoniere ich Kundenhotline für Kundenhotline ab. Weil ich große Mengen bestellen muss, möchte ich gern vorab einen Probedruck. Den ermöglicht man mir aber nicht so leicht. Eine besonders fachkundige Dame am Telefon beschert mir den ungläubigsten Moment des Tages:

„Guten Tag. Ich würde gern 150 Bögen im A0 Format, vierfarbig, doppelseitig bei Ihnen bedrucken lassen. Gibt es vorab die Möglichkeit einen Probedruck zu erhalten?“„Was wollen Sie denn auf A0 drucken? Briefpapier?“

Ja. Briefpapier. In Schriftgröße 120, weil wir nur an Rentner versenden?! Was ist los mit diesen Hotline-Menschen? Wir beide kommen jedenfalls auf keinen grünen Zweig mehr. Probedrucke gibt es nicht.

10 DINGE DIE DU BEIM PRÄSENTIEREN NICHT TUN KANNST

Nach der Abwicklung in paar kleinerer Aufgaben mache ich mich auf den Weg in die Volkshochschule. Ich sitze mi rund 15 Gleichgesinnten in einem Kurs, der einem die Existenzgründung näherbringen soll. Die habe ich formell gesehen schon hinter mir, denke mir aber, dass es nicht schaden kann noch mal über Rechte, Pflichten, Gefahren, Risiken und Chancen aufgeklärt zu werden. Doch weit gefehlt.

Der Dozent der mir über mehrere Abende hinweg jeweil 2 . unwiderbringliche Stunden meines Lebens stehlen wird, ist stets bemüht –aber leider nicht viel wert. Seine mittelalterliche Art zu präsentieren –oder sagen wir treffender, vorzulesen -, eine dreistellige Seitenanzahl der Präsentation und der Weltrekord in Sachen Wörter-auf-einem-Slide machen ihn zu dem Inhalt eines später entstehenden Blogbeitrages. Wenn ich eins in diesem Kurs gelernt habe, dann, wie man nicht präsentiert.

SELBST UND STÄNDIG

Am sehr sehr späten Abend radel ich durch Berlins verlassene Straßen nach Hause und lasse den Tag an mir vorüberziehen. So ungeplant wie mein Berufsleben auch ist, so unsicher mein Einkommen fließt, so sehr liebe ich doch die Überraschung und das Lebendigkeitsgefühl, dass die Selbstständigkeit mit sich bringt. Die alte Floskel vom „selbst und ständig sein“, wird in meinen Augen falsch interpretiert und immer nur so ausgelegt, als wäre der einzige Vorteil ein genervtes, ununterbrochenes Arbeiten für wenig Geld.

Stattdessen sehe ich das so: Ja, ich bin ständig ich selbst und muss ständig selbst entscheiden–und das liebe ich am selbstständig sein.

Und wie geht es weiter? Das erfährst du in Kürze…


Tamara KrantzTamara Krantz (23) alias Frau Fuchsia arbeitet seit September 2014 als freiberufliche Grafikerin und entdeckt seit dem die Welt jeden Tag neu. Als Wahlberlinern die irgendwas-mit-Medien-tut und bunte Haare hat, sowie einem vegetarischen Lebenstil verfolgt erfüllt sie nicht nur das Klischee, sondern lebt es auch. Auf ihrem Blog „Der Pinke Fuchs“ berichtet Sie aus dem Leben eines Freiberuflers, über aktuelle Kunst und Trends sowie über technische Tricks und Kniffe. Ach ja, und für Grafiksachen engagieren kann man sie auch! Und zwar hier: www.fraufuchsia.de